Wenn das Wir wichtiger wird als alles andere

Gedanken über Zugehörigkeit, Loyalität und die zerstörerische Kraft gemeinsamer Abgrenzung.

Angeregt durch: Ricardo Piglia, Brennender Zaster, aus dem Spanischen von Leopold Federmair, Wagenbach, 2010.

Als ich Brennender Zaster zu lesen begann, schien das Geld der offensichtliche Schlüssel zur Geschichte zu sein.

Ein Überfall, eine Flucht, die Beute und schließlich das Verbrennen der Geldscheine: Schon der Titel lenkt den Blick auf das Geld. Nach der letzten Seite blieb bei mir jedoch ein anderer Gedanke zurück.

Vielleicht ist das Geld gar nicht das Entscheidende.

Vielleicht erzählt der Roman noch stärker davon, was Menschen zusammenhält, die außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung leben – und was aus einem solchen Zusammenhalt werden kann, wenn es kein Korrektiv mehr gibt.


Am Anfang scheint es um das Geld zu gehen

Bei einem Raubüberfall liegt die Vermutung nahe: Das Ziel ist die Beute. Das Geld verspricht Freiheit, Sicherheit oder wenigstens die Möglichkeit, dem bisherigen Leben zu entkommen.

Doch im Verlauf des Romans wirkt dieses Ziel zunehmend leer. Die Männer gewinnen durch das Geld keine neue Zukunft. Sie kommen sich selbst nicht näher, und sie finden keinen Weg zurück in ein anderes Leben.

Am Ende wird das Geld sogar verbrannt.

Man könnte darin bloße Zerstörungswut sehen. Mich überzeugt inzwischen eine andere Lesart mehr: Das Verbrennen macht sichtbar, dass das Geld längst nicht mehr der Mittelpunkt ist. Es verliert seinen Wert, weil in der gemeinsamen Ausnahmesituation etwas anderes wichtiger geworden ist.

Was bleibt, sind Loyalität, Trotz und das Gefühl, nur noch einander zu haben.


Eine Gemeinschaft außerhalb der Ordnung

Die Männer haben sich außerhalb dessen eingerichtet, was wir gewöhnlich Gesellschaft nennen. Sie sind kriminell, gewalttätig, drogenabhängig und misstrauisch. Und dennoch bilden sie untereinander etwas, das beinahe wie eine Ersatzgemeinschaft funktioniert.

Es ist keine gesunde Gemeinschaft. Sie gibt kaum Halt, aus dem neues Leben entstehen könnte. Aber offenbar ist sie für die Beteiligten immer noch stärker als die Welt außerhalb der Gruppe.

Das hat mich beim Lesen beschäftigt.

Denn das Bedürfnis, dazuzugehören, ist zunächst etwas sehr Menschliches. Wir brauchen andere Menschen, an denen wir uns orientieren, mit denen wir Erfahrungen teilen und bei denen wir uns nicht ständig erklären müssen.

Aber Zugehörigkeit wird gefährlich, wenn sie nur noch durch Abgrenzung entsteht: Wir sind wir, weil wir nicht zu den anderen gehören.


Identifikation ist noch keine Verbundenheit

Besonders interessant finde ich die Frage, ob die Männer wirklich miteinander verbunden sind oder sich vor allem ineinander wiedererkennen.

Das ist nicht dasselbe.

Menschen können dieselben Feinde, dieselben Ängste, dieselbe Lebensweise und dieselbe Außenseiterrolle teilen. Daraus entsteht schnell ein starkes Gefühl von Gemeinsamkeit.

Doch ein gemeinsames Feindbild ersetzt keine tragfähige Beziehung. Und die Ähnlichkeit der Erfahrungen bedeutet noch nicht, dass man einander wirklich sieht.

Vielleicht lässt sich die Situation deshalb so zuspitzen:

Sie haben wenig, wofür sie leben – aber sie haben Menschen, mit denen sie bereit sind unterzugehen.

Dieser Satz klingt zunächst nach großer Loyalität. Bei näherem Hinsehen hat er etwas Erschreckendes. Denn eine Beziehung, die nur noch den gemeinsamen Untergang kennt, schützt niemanden mehr.


Das Wir braucht die anderen

Die extreme Gewalt bekommt aus dieser Perspektive eine weitere Bedeutung. Sie richtet sich nicht nur gegen Polizei oder Gesellschaft. Sie stabilisiert zugleich die Grenze zwischen der Gruppe und allen anderen.

Wir gegen die anderen.

Je stärker der äußere Druck wird, desto enger kann dieses Wir erscheinen. Widerspruch wird dann schnell als Verrat erlebt. Zweifel gefährden nicht nur einen Plan, sondern die gemeinsame Identität.

Genau hier liegt für mich der zerstörerische Kern.

Nicht Zugehörigkeit an sich ist das Problem. Problematisch wird ein Wir, das nur durch Feinde bestehen kann und dem Einzelnen das eigene Urteil abnimmt.

Dann muss niemand mehr fragen, ob das gemeinsame Handeln richtig ist. Es reicht, dass es das Handeln der Gruppe ist.


Wenn Geld seinen Wert verliert

Vor diesem Hintergrund wirkt das Verbrennen des Geldes beinahe konsequent.

Die Scheine haben außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung nur deshalb einen Wert, weil Menschen ihnen gemeinsam einen Wert geben. Wer mit dieser Ordnung endgültig gebrochen hat, kann auch ihr stärkstes Symbol vernichten.

Das Geld, wegen dem alles begonnen zu haben scheint, wird bedeutungslos. Wichtiger ist die Geste: der Trotz, die Verweigerung und vielleicht auch die letzte Demonstration, dass die anderen nicht bekommen sollen, was sie zurückhaben wollen.

Damit ist das Verbrennen nicht sinnlos. Aber es ist auch kein Akt der Befreiung. Es öffnet keinen neuen Weg. Es besiegelt vielmehr, dass nur noch die gemeinsame Situation übrig ist.

Und diese Situation führt nicht hinaus, sondern immer tiefer hinein.


Zugehörigkeit kann tragen – und zerstören

Damit reicht der Roman für mich weit über eine brutale Gangstergeschichte hinaus.

Er erinnert daran, dass Zugehörigkeit nicht automatisch gut ist. Entscheidend ist, was eine Gemeinschaft mit den Menschen macht, die zu ihr gehören.

Erlaubt sie Zweifel? Gibt es einen Platz für Verantwortung und ein eigenes Urteil? Hält sie Widerspruch aus? Oder verlangt sie, dass man sich selbst immer weiter aufgibt, um Teil des Wir zu bleiben?

Diese Fragen betreffen nicht nur extreme Gruppen. In abgeschwächter Form begegnen sie uns auch in Familien, Freundeskreisen, Unternehmen, politischen Bewegungen und digitalen Gemeinschaften.

Überall dort, wo Zugehörigkeit wichtiger wird als Wahrhaftigkeit, kann das Wir beginnen, den Einzelnen zu verschlucken.


Einige Fragen an mich selbst

Nach der Lektüre bleiben für mich deshalb vor allem Fragen:

  1. Zu welchen Gruppen fühle ich mich zugehörig – und wodurch entsteht dieses Gefühl?
  2. Kann ich innerhalb dieser Gruppen widersprechen, ohne sofort als Gegner zu gelten?
  3. Wo stärkt mich ein gemeinsames Wir, und wo nimmt es mir Verantwortung ab?
  4. Definieren wir uns durch etwas, das uns wichtig ist – oder hauptsächlich durch Menschen, gegen die wir uns abgrenzen?

Was bleibt?

Zunächst dachte ich, das Geld müsse der Schlüssel zu Brennender Zaster sein. Nach dem Ende sehe ich das anders.

Stärker als das Geld beschäftigt mich die vermeintliche Identifikation der Männer miteinander. Ihre Gemeinsamkeit entsteht aus Gewalt, Drogen, Angst, Verbrechen und der Abgrenzung gegenüber den anderen.

Vielleicht halten sie gerade deshalb so entschieden aneinander fest: nicht weil ihre Beziehungen besonders menschlich oder tragfähig wären, sondern weil ihnen außerhalb dieser Gruppe kaum noch etwas bleibt, worüber sie sich selbst definieren können.

Das verbrannte Geld ist dann nicht der Mittelpunkt, sondern der Beweis dafür, dass längst etwas anderes die Kontrolle übernommen hat: das gemeinsame Wir, selbst wenn dieses Wir nur noch in den Untergang führt.

Und daraus entsteht für mich eine Frage, die weit über den Roman hinausgeht:

Wie viel von unserer Identität entsteht dadurch, wer wir selbst sind – und wie viel dadurch, zu wem wir gehören?

Vielleicht ist genau das der Faden, an dem ich nach diesem Buch weiterdenken möchte. Denn aus einem sehr brutalen Gangsterroman wird so eine Geschichte über ein zutiefst menschliches Bedürfnis: irgendwo dazuzugehören – in seiner vielleicht zerstörerischsten Form.

Stefan Wolff

← Zurück zu den Buchgedanken


Veröffentlicht: 12. Oktober 2026  |  Autor: Stefan Wolff  |  Tags: Buchgedanken, Zugehörigkeit, Identität, Loyalität, Gruppenidentität, Verantwortung