Wenn alles geregelt ist – und trotzdem etwas fehlt

Gedanken über Regeln, Verantwortung und den Raum, den wir zum Handeln brauchen.

Angeregt durch: Hartmut Rosa, Situation und Konstellation – Vom Verschwinden des Spielraums, Suhrkamp, 2026.

Es gibt Tage, an denen man am Abend müde ist und sich trotzdem fragt: Was habe ich heute eigentlich gemacht?

Nicht weil man untätig gewesen wäre. Im Gegenteil.

E-Mails beantwortet. Formulare ausgefüllt. Vorgänge bearbeitet. Termine eingehalten. Freigaben erteilt. Checklisten abgearbeitet. Auf Meldungen reagiert.

Eigentlich war man den ganzen Tag beschäftigt.

Und trotzdem bleibt manchmal dieses merkwürdige Gefühl: Ich habe viel erledigt – aber wenig gestaltet.

Beim Lesen von Hartmut Rosas Situation und Konstellation bin ich über einen Gedanken gestolpert, der diesem Gefühl einen Namen gibt.

Rosa unterscheidet zwischen Handeln und Vollziehen. Und seitdem beobachte ich meinen Alltag etwas anders.


Wenn aus einer Situation eine Konstellation wird

Eine Situation ist offen.

Ich muss wahrnehmen, nachdenken, abwägen und schließlich entscheiden. Vielleicht gibt es Regeln. Vielleicht gibt es Erfahrungen und Vorgaben.

Aber am Ende muss ich selbst beurteilen: Was ist hier und jetzt angemessen?

Eine Konstellation funktioniert anders. Wenn A, dann B. Kriterium erfüllt: ja oder nein. Wert innerhalb der Toleranz: bestanden. Wert außerhalb der Toleranz: nicht bestanden.

Das hat große Vorteile. Solche Systeme schaffen Vergleichbarkeit. Sie können Willkür verhindern und Entscheidungen nachvollziehbar machen.

Ohne Regeln würde vieles nicht besser funktionieren, sondern schlechter.

Und trotzdem gibt es ein Problem.

Je genauer wir versuchen, jede mögliche Situation im Voraus zu regeln, desto kleiner kann der Raum werden, in dem jemand noch selbst entscheiden darf.

Irgendwann beurteilen wir nicht mehr. Wir vollziehen.


Das kenne ich aus meinem eigenen Berufsleben

Dieser Gedanke hat mich besonders beschäftigt, weil ich aus einer Welt komme, in der Regeln unverzichtbar sind.

Normen, Richtlinien, Prüfvorgaben und Qualitätsstandards haben ihren guten Grund. Bei einer technischen Prüfung kann nicht jeder nach Gefühl entscheiden, was noch akzeptabel ist.

Und das möchte vermutlich auch niemand.

Aber gerade deshalb finde ich Rosas Gedanken interessant. Denn gute Regeln sollen menschliche Urteilskraft unterstützen. Sie sollten sie nicht vollständig ersetzen.

Es gibt nämlich immer wieder diesen einen Fall, der nicht sauber ins Raster passt. Den Vorgang, bei dem formal alles eindeutig erscheint und man trotzdem merkt: Irgendetwas stimmt hier nicht.

Dann braucht es Erfahrung. Sachverstand. Und manchmal auch den Mut, noch einmal genauer hinzusehen.


Warum wir trotzdem immer mehr regeln

Dafür gibt es gute Gründe.

Wir wollen Entscheidungen nachvollziehbar machen. Wir wollen Ungleichbehandlung vermeiden. Wir wollen Fehler reduzieren. Und wir möchten Verantwortlichkeiten klären.

Also schaffen wir Prozesse. Dann dokumentieren wir die Prozesse. Dann definieren wir Kennzahlen für die Prozesse.

Und irgendwann brauchen wir einen Prozess, der überprüft, ob der Prozess richtig durchgeführt wurde.

Wer in einer größeren Organisation arbeitet, dürfte ungefähr wissen, was ich meine. Das ist durchaus ein wenig komisch. Aber nur ein wenig.

Denn dahinter steckt ein ernstes Problem:

Je genauer wir versuchen, Verantwortung organisatorisch abzusichern, desto leichter kann sich der Einzelne gleichzeitig weniger verantwortlich fühlen.

„Ich habe doch nur die Vorgabe umgesetzt.“ „Das System lässt nichts anderes zu.“ „Das Programm gibt diesen Wert vor.“ „Dafür bin ich nicht zuständig.“

Jeder dieser Sätze kann vollkommen richtig sein. In ihrer Summe können sie trotzdem etwas erzeugen, das niemand beabsichtigt hat: Verantwortung ohne Verantwortlichen.


Auch Digitalisierung löst dieses Problem nicht

Im Gegenteil.

Digitale Systeme sind hervorragend darin, Konstellationen abzubilden. Wenn A, dann B. Pflichtfeld ausfüllen. Option auswählen. Weiter.

Das macht Prozesse schneller und häufig auch besser.

Aber jeder, der einmal vor einem Formular saß, bei dem keine der angebotenen Antworten zur eigenen Situation passte, kennt die andere Seite.

Das System möchte Eindeutigkeit. Das Leben liefert einen Sonderfall.

Und plötzlich versucht ein Mensch nicht mehr, sein Problem zu lösen. Er versucht, sein Problem so zu formulieren, dass es in die Auswahlfelder des Systems passt.

Vielleicht ist das ein kleiner, aber bemerkenswerter Perspektivwechsel.

Nicht mehr das System passt sich dem Menschen an. Der Mensch beginnt, sich dem System anzupassen.


Und jetzt kommt künstliche Intelligenz

Damit bekommt Rosas Gedanke für mich noch eine weitere Dimension.

Algorithmen können längst mehr als Formulare verwalten. Künstliche Intelligenz kann analysieren, bewerten, formulieren und Vorschläge machen.

Das fasziniert mich. Ich nutze solche Werkzeuge selbst gerne.

Aber gerade deshalb beschäftigt mich eine Frage: Was passiert mit meiner eigenen Urteilskraft, wenn die Vorschläge der Maschine immer besser werden?

Am Anfang frage ich: „Hilf mir, darüber nachzudenken.“

Irgendwann vielleicht: „Was würdest du entscheiden?“

Und eines Tages möglicherweise nur noch: „Mach.“

Die Übergänge sind klein. Vielleicht liegt genau darin die Herausforderung.

Technik muss uns unsere Handlungsmöglichkeiten nicht gewaltsam wegnehmen. Wir können sie ihr aus Bequemlichkeit selbst überlassen.


Regeln sind nicht der Feind

Trotzdem wäre mir eine einfache Schlussfolgerung zu billig: Weniger Regeln = mehr Freiheit = bessere Welt.

So funktioniert es nicht.

Regeln schützen. Standards schaffen Qualität. Checklisten können Fehler verhindern. Algorithmen können Zusammenhänge erkennen, die Menschen übersehen.

Und eine Gesellschaft, in der jeder ausschließlich nach eigenem Ermessen handelt, möchte ich genauso wenig wie eine, in der niemand mehr eigenes Ermessen besitzt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht: Regel oder Freiheit?

Sondern: Wo brauchen wir Regeln – und wo müssen wir bewusst Spielraum erhalten?


Spielraum bedeutet auch Verantwortung

Denn Spielraum klingt zunächst angenehm. Freiheit. Gestaltung. Selbst entscheiden dürfen.

Aber Spielraum hat eine unbequeme Rückseite.

Wenn ich selbst entscheiden darf, kann ich mich nicht mehr vollständig hinter der Vorschrift verstecken. Dann könnte meine Entscheidung falsch sein. Ich muss sie begründen. Ich muss möglicherweise dafür einstehen.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Konstellationen manchmal sogar angenehm sind.

Eine eindeutige Vorgabe nimmt uns nicht nur Freiheit. Sie nimmt uns auch die Last der Entscheidung.

Und damit wird die Sache komplizierter.

Vielleicht verschwinden unsere Spielräume nicht ausschließlich deshalb, weil irgendwelche Institutionen sie uns wegnehmen. Manchmal geben wir sie freiwillig ab. Weil es einfacher ist.


Wo bin ich eigentlich noch Handelnder?

Seit der Lektüre stelle ich mir deshalb gelegentlich einige Fragen:

  1. Wo entscheide ich in meinem Alltag tatsächlich selbst – und wo vollziehe ich nur noch?
  2. Welche Regeln helfen mir, gute Entscheidungen zu treffen – und welche verhindern inzwischen vernünftige Entscheidungen?
  3. Wo verstecke ich mich vielleicht selbst hinter Prozessen, Zuständigkeiten oder technischen Systemen?
  4. Bei welchen Entscheidungen sollte ich mir bewusst meine eigene Urteilskraft erhalten?
  5. Und wo muss ich akzeptieren, dass nicht alles in meiner Verantwortung liegt?

Gerade die letzte Frage gehört für mich dazu.

Handlungsfähigkeit bedeutet schließlich nicht, für alles verantwortlich zu sein.

Vielleicht besteht Urteilskraft manchmal gerade darin, zu erkennen: Hier kann und sollte ich handeln. Und an anderer Stelle: Hier endet mein Verantwortungsbereich.

Beides braucht Spielraum.


Was bleibt?

Situation und Konstellation hat mir keinen Grund gegeben, meine Checklisten wegzuwerfen.

Zum Glück. Manche davon möchte ich lieber behalten.

Aber Hartmut Rosa hat meinen Blick auf etwas gelenkt, das leicht verloren gehen kann: den kleinen Raum zwischen Vorgabe und Entscheidung.

Dort, wo Erfahrung zählt. Wo Zweifel erlaubt sind. Wo jemand noch einmal hinschaut, obwohl formal bereits alles geklärt scheint.

Wo wir nicht einfach fragen: „Was muss ich hier tun?“, sondern auch: „Was halte ich in dieser Situation für richtig?“

Vielleicht können wir eine moderne, komplexe Welt gar nicht ohne Regeln, Prozesse, Algorithmen und Standards organisieren.

Aber vielleicht sollten wir darauf achten, dass zwischen all diesen Regeln noch etwas übrig bleibt: der Mensch, der urteilen darf.

Denn möglicherweise entsteht das Gefühl von Selbstwirksamkeit genau dort.

Nicht wenn wir alles kontrollieren können. Sondern wenn wir erleben: Auf mein Urteil kommt es an.

Stefan Wolff

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Veröffentlicht: 30. August 2026  |  Autor: Stefan Wolff  |  Tags: Buchgedanken, Regeln, Verantwortung, Handlungsspielraum, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz