Was wir mit uns tragen
Gedanken über Familie, Schweigen und die Geschichten, die vor uns begonnen haben.
Angeregt durch: Leon Engler, Botanik des Wahnsinns, DuMont Buchverlag, 2025.
Vor einiger Zeit habe ich Botanik des Wahnsinns von Leon Engler gelesen.
Es ist eines dieser Bücher, die sich nur schwer in einem Satz zusammenfassen lassen. Familiengeschichte, psychische Erkrankung, Erinnerung, Herkunft, Scham – vieles wächst ineinander.
Vielleicht passt deshalb gerade der Titel so gut.
Botanik. Etwas wächst. Es bildet Wurzeln. Verzweigt sich. Manches davon sehen wir, anderes liegt verborgen unter der Erde.
Und während des Lesens hat mich zunehmend eine Frage beschäftigt:
Wie viel von dem, was wir für unser eigenes Leben halten, hat eigentlich schon lange vor uns begonnen?
Familien haben ein Gedächtnis
In jeder Familie gibt es Geschichten.
Diejenigen, die bei Geburtstagen immer wieder erzählt werden. Anekdoten, über die alle lachen. Erinnerungen, die irgendwann fast zu kleinen Familienlegenden geworden sind.
Aber es gibt noch eine zweite Art von Geschichten.
Diejenigen, die nicht erzählt werden.
Über Krankheiten. Über Ängste. Über Schuld. Über Scham. Über Menschen, über die man lieber nicht spricht. Über Ereignisse, für die es irgendwann keine Worte mehr gab.
Und vielleicht verschwinden solche Geschichten nicht einfach dadurch, dass niemand über sie spricht.
Vielleicht wirken sie weiter. Nicht unbedingt als konkrete Erinnerung. Manchmal eher als Stimmung, als Verhaltensmuster, als unausgesprochene Regel: Darüber spricht man nicht.
Verstehen heißt nicht entschuldigen
Beim Lesen musste ich immer wieder über das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern nachdenken.
Als Kind erleben wir unsere Eltern zunächst nicht als Menschen mit einer eigenen Geschichte. Sie sind einfach unsere Eltern.
Erst viel später entdecken wir möglicherweise, dass auch sie einmal Kinder waren. Dass sie Hoffnungen hatten, Verletzungen erfahren haben, Angst hatten, Entscheidungen getroffen oder vermieden haben.
Und irgendwann kann daraus ein anderer Blick entstehen. Plötzlich erkennt man Zusammenhänge.
Vielleicht konnte er gar nicht anders. Vielleicht hatte sie selbst nie gelernt, damit umzugehen. Vielleicht war das, was ich erlebt habe, Teil einer viel älteren Geschichte.
Dieses Verstehen kann versöhnlich sein.
Aber hier scheint mir eine Grenze wichtig: Einen Menschen zu verstehen bedeutet nicht, alles entschuldigen zu müssen.
Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Ich kann verstehen, woher ein Verhalten kommt – und trotzdem anerkennen, was es bei mir angerichtet hat.
Vielleicht gehört genau diese Ambivalenz zum Erwachsenwerden.
Der Wunsch, jemanden zu retten
Ein weiterer Gedanke des Buches ist mir geblieben: unser Wunsch, Menschen zu helfen, die uns nahestehen.
Wenn jemand leidet, möchten wir etwas tun. Wir erklären. Wir organisieren. Wir suchen Lösungen. Wir übernehmen Verantwortung.
Und manchmal merken wir erst sehr spät, dass es Probleme gibt, die wir einem anderen Menschen nicht abnehmen können.
Das ist schwer auszuhalten. Denn Nicht-Retten-Können fühlt sich schnell wie Versagen an.
Dabei könnte es manchmal etwas ganz anderes sein: die Grenze zwischen Mitgefühl und Verantwortung.
Ich kann jemanden begleiten. Ich kann zuhören. Ich kann da sein.
Aber ich kann nicht jedes Leben reparieren. Und vielleicht sollte ich es auch nicht versuchen.
Wenn Schutz irgendwann zum Gefängnis wird
Eine meiner stärksten Notizen beim Lesen war der Satz:
„Zwang ist eingefrorene Angst.“ – Leon Engler, Botanik des Wahnsinns
Mich beschäftigt daran weniger der Zwang selbst als das Bild dahinter.
Eingefrorene Angst. Etwas, das vielleicht einmal eine sinnvolle Reaktion gewesen ist. Ein Schutzmechanismus. Eine Strategie, mit etwas Bedrohlichem zurechtzukommen.
Doch Strategien können überleben, obwohl die Situation, für die wir sie entwickelt haben, längst vorbei ist.
Was uns einmal geschützt hat, kann uns später einengen.
Das gilt vermutlich nicht nur für psychische Symptome. Vielleicht gilt es auch für manche unserer alltäglichen Gewohnheiten:
Kontrolle. Perfektionismus. Rückzug. Das Bedürfnis, alles selbst regeln zu müssen. Konflikten aus dem Weg zu gehen. Immer stark sein zu wollen.
Manchmal lohnt deshalb vielleicht nicht nur die Frage: „Warum mache ich das?“
Sondern: „Wovor hat mich dieses Verhalten irgendwann einmal geschützt?“
Das ist eine andere Frage. Und möglicherweise eine freundlichere.
Was gehört eigentlich zu mir?
Damit komme ich zurück zu den Wurzeln.
Wir übernehmen aus unseren Familien viel mehr als Augenfarbe, Haarfarbe oder einen Nachnamen.
Wir übernehmen Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Wie man mit Geld umgeht. Wie man Liebe zeigt. Ob man über Gefühle spricht. Wie viel Schwäche erlaubt ist. Was Erfolg bedeutet. Wann man um Hilfe bittet. Oder ob man überhaupt um Hilfe bittet.
Vieles davon bemerken wir nicht, weil es für uns normal ist.
Wir haben es nie bewusst entschieden. Es war einfach schon da.
Wie der Boden, auf dem wir gewachsen sind.
Man muss die Wurzeln nicht ausreißen
Vielleicht besteht Freiheit deshalb nicht darin, sich vollständig von seiner Herkunft zu lösen. Das wäre vermutlich ohnehin eine Illusion.
Unsere Geschichte gehört zu uns. Aber wir können anfangen, sie anzusehen.
Vielleicht mit einigen unbequemen Fragen:
- Welche Regeln meiner Familie trage ich noch mit mir herum?
- Welche davon helfen mir heute noch – und welche engen mich ein?
- Für welche Probleme anderer Menschen fühle ich mich verantwortlich, obwohl sie nicht meine Verantwortung sind?
- Worüber wurde in meiner Familie viel gesprochen – und worüber auffällig wenig?
Darauf muss man nicht sofort Antworten haben.
Manchmal reicht es schon, eine Frage zum ersten Mal zu stellen.
Vom Schweigen zum Erzählen
Vielleicht ist das eine der Bewegungen, die ich aus Botanik des Wahnsinns mitnehme: vom Verschweigen zum Erzählen. Vom Erklärenwollen zum Verstehen. Vom Rettenwollen zum Akzeptieren.
Und vielleicht auch von der Frage „Was stimmt mit uns nicht?“ zu einer anderen: „Was ist uns eigentlich passiert?“
Das ist keine kleine Veränderung. Denn die zweite Frage sucht nicht nach Schuldigen. Sie schaut nach Zusammenhängen.
Und Zusammenhänge zu erkennen bedeutet noch lange nicht, dass wir sie verändern können.
Aber wir können entscheiden, was wir davon weitertragen möchten. Und was vielleicht bei uns enden darf.
Was bleibt?
Wir erben nicht nur die Geschichten, die uns erzählt werden.
Vielleicht erben wir manchmal gerade diejenigen, über die niemand gesprochen hat.
Das bedeutet nicht, dass unser Leben dadurch vorbestimmt wäre.
Wurzeln bestimmen schließlich nicht vollständig, wohin ein Ast wächst.
Aber es kann hilfreich sein zu wissen, in welchem Boden man steht.
Nicht um dort für immer zu bleiben. Sondern um bewusster zu entscheiden, in welche Richtung man weiterwachsen möchte.
Stefan Wolff
Veröffentlicht: 6. September 2026 | Autor: Stefan Wolff | Tags: Buchgedanken, Familie, Herkunft, Schweigen, Verantwortung, psychische Gesundheit