Die Menschen, die wir zu kennen glauben

Gedanken über Wahrnehmung, Zuschreibungen und einen Roman, der bei mir etwas zurückgelassen hat.

Angeregt durch: Isabelle Lehn, Die Spielerin, S. Fischer, 2024.

Vor kurzem habe ich den Roman Die Spielerin von Isabelle Lehn gelesen.

Es ist eines jener Bücher, bei denen nach der letzten Seite nicht alles ordentlich aufgeräumt an seinem Platz liegt. Im Gegenteil. Einige Fragen werden erst dann richtig interessant.

Besonders beschäftigt hat mich ein Gedanke aus dem Roman: Es gibt Menschen, die für andere beinahe durchsichtig werden. Menschen, die so selbstverständlich in einer bestimmten Rolle wahrgenommen werden, dass irgendwann niemand mehr genauer hinsieht.

Dieser Gedanke ist bei mir hängen geblieben.

Denn vielleicht passiert uns das viel häufiger, als wir glauben.


Wir sehen einen Menschen – und machen uns ein Bild

Wir begegnen einem Menschen und beginnen fast augenblicklich, ihn einzuordnen.

Der Zuverlässige. Die Schwierige. Der Ruhige. Die Ehrgeizige. Der Unsichere. Die Hilfsbereite.

Solche Einordnungen sind zunächst einmal menschlich. Wir brauchen sie, um uns in einer komplexen Welt zurechtzufinden.

Problematisch wird es, wenn aus einer ersten Einschätzung eine Gewissheit wird.

Dann beobachten wir nicht mehr wirklich den Menschen. Wir beobachten zunehmend das, was zu unserem bereits vorhandenen Bild von ihm passt.

Was nicht hineinpasst, übersehen wir leichter.

Und irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges:

Wir glauben, einen Menschen zu kennen, obwohl wir vielleicht hauptsächlich unsere eigene Vorstellung von ihm kennen.


Die unscheinbare Macht des Übersehenwerdens

Genau dieser Gedanke hat mich beim Lesen von Die Spielerin fasziniert.

Die Hauptfigur A. wird von verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen. Andere schreiben ihr Eigenschaften, Motive und Rollen zu. Und doch bleibt sie auf eigentümliche Weise schwer greifbar.

Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto interessanter fand ich eine scheinbar widersprüchliche Idee:

Wer übersehen wird, ist nicht automatisch machtlos.

Wenn Menschen glauben, jemanden bereits verstanden zu haben, hören sie auf, genauer hinzusehen.

Das kann ein Nachteil sein. Aber es kann auch einen unerwarteten Handlungsspielraum eröffnen.

Wer unterschätzt wird, bewegt sich manchmal freier als derjenige, auf den alle Augen gerichtet sind.

Vielleicht liegt darin eine der Bedeutungen des Titels Die Spielerin: Nicht jede Spielerin sitzt sichtbar am Spieltisch. Und nicht immer erkennt man sofort, wer eigentlich nach welchen Regeln spielt.


Aber wie gut kennen wir andere wirklich?

Hier verlässt der Gedanke für mich den Roman.

Denn wir alle tragen solche inneren Bilder mit uns herum. Über Kollegen. Über Freunde. Über unsere Partner. Über Familienmitglieder. Vielleicht sogar über Menschen, die wir seit Jahrzehnten kennen.

Und wahrscheinlich ist das unvermeidlich.

Entscheidend scheint mir deshalb eine andere Frage zu sein:

Bin ich noch bereit, mein Bild von einem Menschen korrigieren zu lassen?

Das ist erheblich schwieriger, als es klingt.

Denn wenn ein Mensch sich anders verhält, als wir es erwarten, können wir entweder unser Bild von ihm verändern – oder sein Verhalten so erklären, dass unser altes Bild erhalten bleibt.

Die zweite Möglichkeit ist häufig bequemer.


Und dann gibt es noch unser Bild von uns selbst

An diesem Punkt wird die Sache unangenehm.

Denn was wir mit anderen machen, machen wir vermutlich auch mit uns selbst.

„So bin ich eben.“ „Das konnte ich noch nie.“ „Dafür bin ich nicht der Typ.“ „Ich muss mich um so etwas kümmern.“ „Von mir wird das erwartet.“

Auch das sind Zuschreibungen.

Nur stammen sie diesmal von uns selbst – oder wir haben die Zuschreibungen anderer irgendwann übernommen.

Vielleicht können Menschen sogar für sich selbst „durchsichtig“ werden: Wir sehen nicht mehr, was noch möglich wäre, weil wir zu genau zu wissen glauben, wer wir sind.


Ein kleiner Perspektivwechsel

Ich möchte aus dem Roman deshalb keine Lebensanleitung machen. Gute Literatur muss das auch nicht leisten.

Mir reicht etwas anderes: Sie kann eine Frage hinterlassen.

Vielleicht lohnt es sich, gelegentlich einen Menschen anzusehen, den wir sehr gut zu kennen glauben, und unsere Gewissheit für einen Moment beiseitezulegen.

Nicht um misstrauisch zu werden. Sondern neugierig.

Vielleicht mit drei einfachen Fragen:

  1. Was weiß ich über diesen Menschen tatsächlich?
  2. Was davon ist meine Interpretation?
  3. Was könnte ich übersehen, weil ich glaube, es längst zu wissen?

Und vielleicht sollten wir uns dieselben drei Fragen gelegentlich selbst stellen.


Was bleibt?

Die Spielerin hat mich weniger wegen einer eindeutigen Botschaft beschäftigt als wegen ihrer Uneindeutigkeit.

Am Ende bleibt A. ein Stück weit verborgen.

Vielleicht ist gerade das konsequent.

Denn Menschen sind keine Gleichungen, die wir irgendwann vollständig gelöst haben. Wir können ihnen nahekommen, sie beobachten, mit ihnen leben und arbeiten – und trotzdem bleibt etwas, das sich unserem Blick entzieht.

Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtig sein mit dem Satz: „Ich weiß genau, wie der ist.“

Manchmal sagt dieser Satz nämlich mindestens ebenso viel über denjenigen aus, der ihn ausspricht, wie über den Menschen, den er zu beschreiben glaubt.

Und vielleicht beginnt echtes Erkennen genau dort, wo wir bereit sind, das zuzugeben.

Stefan Wolff

← Zurück zu den Buchgedanken


Veröffentlicht: 4. Oktober 2026  |  Autor: Stefan Wolff  |  Tags: Buchgedanken, Wahrnehmung, Zuschreibung, Selbstbild, Rollen, Neugier